Die nächsten Tage waren schwer. Er hatte einige Male versucht Sabina anzurufen, doch sie ging nicht ans Telefon. Vielleicht war sie verreist. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als allein über die Dinge nachzudenken. Zuerst hatte sich Vincent fest vorgenommen, diese sogenannte Therapie sausen zu lassen. Die Fotos sprachen ja wohl für sich. Noch am selben Abend betrank er sich symbolisch mit Freunden um den Abschluss ihrer Liebe zu vollziehen. Was sollte es noch für einen Wert haben eine Beziehung zu retten, die auf Seitensprüngen und Exzessen am Arbeitsplatz gründete. Er musste sich Sabina aus dem Kopf schlagen. Außerdem erschienen ihm die Methoden dieser Therapeutin äußerst fragwürdig. Es war klar, dass das, was er bei ihr erlebt hatte, gegen die guten Sitten verstoß. Vincent wurde das Gefühl nicht los, für irgendein böses Spiel missbraucht zu werden. Und dazu wollte er sich nicht hergeben, das stand fest. Doch seine Sicherheit bröckelte schon am nächsten Morgen, als er aufwachte und merkte, dass ihm das gewohnte, allmorgendliche Reiben seines Glieds keine wirkliche Befriedigung mehr brachte. Und noch einen Tag später musste er sich schließlich eingestehen, dass er Sabina sogar so sehr wollte wie noch nie. Trotz der demütigenden Bilder, die anklagend auf dem Schreibtisch gelegen hatten. Und auch das Gesicht der blonden Therapeutin ließ nicht mehr los, er bekam die Sache einfach nicht aus seinem Kopf. Besonders den Anblick ihrer glänzenden, rosa Lippen, die sich an seinem Glied festsaugten, hatte er ständig vor Augen. Und als er nach zehn Tagen eine SMS bekam, die nur von Frau Hagemann stammen konnte, beschleunigte sich sein Herzschlag sofort. Carla, wie er sie insgeheim nannte, denn eigentlich Siezten sie sich ja noch, bestellte ihn für den nächsten Abend zu einer Adresse am Rande der Stadt. Neben der Bitte noch ein paar aufrichtige Zeilen, in denen er seine Gefühle erklärte, für Sabina zu schreiben und diesen Brief mitzubringen, erinnerte sie ihn noch einmal daran, einen Vertrauten zu bestimmen. Wenn möglich sollte er auch an diesem Abend dabei sein. Das Treffen sollte der Klärung gegenseitiger Erwartungen dienen und klarstellen, inwiefern sich die Gefühle der Partner voneinander unterschieden. Ob Sabina auch anwesend sein würde, wurde allerdings mit keinem Wort erwähnt. Vincent war unschlüssig und gespannt zugleich. Die Sache mit dem Vertrauten war unangenehm, doch er beschloss das nicht so wichtig zu nehmen. Insgeheim war er in Gedanken zwar schon seinen Bekanntenkreis durchgegangen, doch mit den Männern, die er näher kannte, hatte er neben beruflichen Kontakten, höchstens noch in der Kneipe oder beim Sport zu tun. Über Beziehungsprobleme wurde nie gesprochen und das sollte eigentlich auch so bleiben. Schließlich ging es hier ja wohl nur um Sabina und ihn. Außerdem konnte keiner von ihm erwarten, dass er eine andere Person in seine intimsten Probleme einweihte. Was würde passieren, wenn er sich als kompletter Idiot blamierte, da würde ihm ein Freund gerade noch fehlen. Dieser Therapeutin war einiges zuzutrauen, sie schien unberechenbar. Also saß er am nächsten Abend zur angegebenen Zeit allein im Wagen, als ihm sein Navi, nach einer Fahrt durch einen heruntergekommenen Vorort mit teilnahmsloser Stimme verkündete: „Sie haben ihr Ziel erreicht!“ Das Haus, vor dem er stand, hatte seine besten Zeiten schon lange hinter sich. Die beiden großen Schwingtüren am Eingang in der Mitte stammten wohl noch aus den 70er Jahren, das Lack am Holz platzte ab und auf den Eisenbeschlägen hatte sich Rost breit gemacht. Es war unschwer zu erkennen, dass das alte Kino wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten keiner Besucher gehabt hatte. Hinter den blinden, zerbrochenen Scheiben hingen noch alte, vergilbte Zettel und der Platz vor dem Gebäude war mit Unkraut überwuchert. Hier waren die Zeiten vom weißen Hai und King Kong konserviert. Dies sollte ihr Treffpunkt sein? Unsicher sah sich Vincent nach beiden Seiten um, doch das Kino lag am Ortsausgang und das Haus daneben schied als biederes Einfamilienhaus mit Rutsche und Schaukel im Vorgarten aus. Außerdem stimmte die Adresse genau, Erlenweg 33. Vincent versuchte gerade an der Front des Gebäudes einen Hinweis, als neben ihm am Straßenrand ein weiteres Auto hielt. Ein Paar stieg aus, ging an ihm vorbei und verschwand neben dem verlassenen Kino. Es war noch nicht dunkel und als Vincent ihnen folgte, fand er einen Plattengang, der ihn unter einer uralten Lampe in einer Nische zu einem Nebeneingang führte. Eine Metalltür, wie man sie für Heizungsräume benutzt, lehnte leicht geöffnet an. Wahrscheinlich hatte er den früheren Notausgang gefunden, überlegte er und drückte gegen das Metall. Er betrat einen langen, fensterlosen Gang, der nur spärlich mit kleinen Spots an der Decke ausgekleidet war. Die Wände waren mit rotem Samt ausgekleidet und obwohl er in diesem alten Kino eher einen muffigen Geruch erwartet hatte, wehte ihm ein leckerer Duft von frisch geröstetem Brot vom Gang her entgegen. Vincent ging zwei Biegungen und erwartete jederzeit den ehemaligen Kinosaal zu betreten, als plötzlich Carla Hegemann vor ihm stand. Sie war in ein langes, schulterfreies Kleid aus weichfließend glänzendem schwarzem Stoff gekleidet und lächelte ihn an. In ihren passenden Sandalen mit den hohen Absätzen kam sie ihm viel größer vor, als bei ihrem letzten Treffen. Vince starrte auf ihren pinkfarbenen Mund. „Vincent, haben Sie es doch noch gefunden? Das ist schön. Ich hatte schon befürchtet, Sie kommen nicht“, sagte sie und gab ihm die Hand. Sie sah sich gespielt neugierig um. „Wo ist denn Ihr Freund?“ Vincent hatte damit gerechnet, dass sie fragen würde und sich eine Antwort überlegt. Er machte ein ungeduldiges Gesicht „Wozu brauche ich einen Freund, ich kann auch alleine für mich sprechen. Außerdem …, was ist hier eigentlich los. Was soll dieser ganze Quatsch mit diesem alten Haus, ich dachte wir hätten eine Verabredung mit Sabina. Und wo ist sie jetzt, ich will jetzt dieses Treffen!“ Carla drehte sich ohne ein weiteres Wort um und Vincent blieb nichts anderes, als ihr zu folgen. Durch eine Seitentür kamen sie in ein kleines Zimmer, in dem ein Sofa, ein Tisch und zwei Stühle standen. Dort drehte sie sich um und sah Vincent gerade mit einem strengen Blick an. „OK, ich denke wir reden jetzt erst einmal darüber, was Sie wollen.“ Ihre Stimme hatte einen scharfen Unterton bekommen. Vince öffnete den Mund, doch bevor er etwas sagen konnte, kam ihm Frau Hagemann zuvor. „Ich stelle Ihnen Fragen und Sie antworten, so läuft das. Und wenn Sie nicht kooperieren, werden Sie Sabrina sicher nicht mehr wiedersehen. Verstehen Sie mich?“ Ohne eine Antwort abzuwarten setzte sie sich auf einen der Stühle und deutete auf den anderen. „Sabrina ist heute auch hier. Im Kinosaal findet eine kleine Wiedersehensfeier für Sie beide statt und sie sagt sie freut sich darauf, Sie zu treffen. Es kommt jetzt ganz auf Sie an, ob dieses Wiedersehen schön oder unangenehm wird.“ „Ich finde, das hätte viel schöner werden können. Bei einem Essen oder …“, ihm fiel nichts mehr ein. Er sah, dass es keinen Zweck hatte. Der Abend würde so werden, wie Sabina es geplant hatte. Wenn er sie haben wollte, musste er mitspielen. Frau Hegemann nahm eine Zigarette aus ihrer Tasche, steckte sie an und nahm einen tiefen Zug. „Sie wissen, dass Ihre Freundin Probleme mit Ihnen hat, oder?“ Er nickte. „Ich bin nur nicht sicher, ob ich verstehe, was genau ihr Problem ist.“ Carla machte ein überraschtes Gesicht und sah ihn amüsiert an. „Vincent, Sie haben doch die Fotos gesehen, da müsste Ihnen doch einiges klar geworden sein.“ Als Vince nicht antwortete, verengten sich ihre Augen. „Dann frage ich Sie, liegt Ihnen noch etwas daran mit Sabina zusammen zu sein?“ Vince musste nicht nachdenken. „Natürlich …“ „Sind Sie bereit alles dafür zu tun.?Wirklich alles? So, wie Sie es in unserem Vertrag festgelegt hatten.“ Den Vertrag hatte er nur überflogen. Doch er nickte. „Gut. Dann warten Sie bitte hier, ich hole Sie gleich ab.“ Carla wandte sich zum Gehen, doch kurz vor der Tür fiel ihr noch etwas ein. Sie drehte sich zu ihm um. „Haben Sie Ihren Brief dabei?“ Vince kramte das Papier heraus, gab ihn ihr und sie überflog den Text. „Gut, das wird ihr gefallen. Kommen Sie jetzt.“ Sie gingen weiter den Gang entlang und der verführerische Duft nach Essen mischte sich mit Schwaden von Räucherstäbchen. Als sie dann endlich den großen Kinosaal betraten, verschlug es Vincent den Atem. Von seiner ursprünglichen Bestimmung war dem Saal nichts mehr anzusehen. Die Sitzreihen, die hier wohl früher standen waren entfernt worden und kleinen Tischchen und Sessel gewichen. Sie standen rings um eine kleine, noch leere Bühne, die beleuchtet in der Mitte des Saals aufgebaut war. Neben den hellen Scheinwerfern war der Raum in rötlich, schwaches Licht getaucht und an den Wänden beleuchteten Deckenfluter das lange Buffet, an dem sich schon eine Schlange gebildet hatte. Obschon etwa hundert Besucher da waren, wirkte der große Raum nicht überfüllt, alles war sehr intim. Doch trotz der angenehmen Atmosphäre und den gutgelaunten Leuten hatte Vince das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte. Er begann automatisch nach Sabina Ausschau zu halten. Dabei bemerkte er wie unerträglich warm es war. Er fühlte sich sofort unwohl, in seiner langen Jeans und dem Hemd. Und auch den anderen ging es wohl ähnlich, denn die meisten hatten sich schon ihrer Oberbekleidung entledigt und waren in Unterwäsche. Die Sachen lagen über die Sessel verstreut. Als hätte sie seine Gedanken erraten, fragte Carla: “Wollen Sie sich nicht auch ausziehen?" Er sah an sich herunter und wollte sich auf einen der freien Sessel setzten, doch Carla hielt ihn fest. „Warten Sie, es ist wohl am besten, wenn ich Sie erst einmal mit den Spielregeln vertraut mache“, sagte sie und zog ihn in eine Ecke. „Wenn wir diesen Saal betreten, müssen Sie sich daran halten.“ Mit schon geöffnetem Hemd und nackter Brust sah er sie verständnislos an. „Spielregeln … Was meinen Sie damit? Ich möchte kein Spiel, ich will Sabina sehen.“ „Ja ja, ich weiß schon“, winkte sie ab. „Hier findet ein sogenannter Abend der Junggesellinnen statt. Das heißt nicht, dass alle Frauen hier ledig sind“, Carla lächelte, „bestimmt nicht. Das hat sich nur irgendein findiger Typ ausgedacht. Am besten ziehen Sie das erst mal an, ich erkläre Ihnen inzwischen das Weitere.“ Sie hielt Vince ein kleines Stück schwarzen Stoff hin. Als er es auseinander zog sah er, dass es eine knappe Unterhose war. „Keine Angst“, lachte sie als sie seine abschätzend zusammen gezogenen Augenbrauen sah, „alles frisch gewaschen. Sabina hat sich diesen Abend gewünscht. Sie sagte er erklärt viel besser, was sie meint, wenn sie von Problemen mit Ihnen spricht.“ Vince hatte inzwischen die knappe Short angezogen und erschrak. Statt einem Eingriff, hatten die Shorts einen offenen Spalt. Sofort kam er sich nackter als nackt vor, denn sein schlaffes Glied hing wie auf einer schwarzen Leinwand von ihm weg. Carla achtete nicht darauf, sie musterte die Menge. „Da Sabina noch nicht hier ist, wie ich sehe, bin ich vorerst ihre Tischdame.“ Sie sah interessiert an ihm herunter. „Ich hoffe das stört Sie nicht. Ich kenne Ihren Schwanz ja sowieso schon.“ Vince presste die Lippen aufeinander und bemerkte erst jetzt, dass auch die anderen Männer die gleichen Hosen trugen. „Ich denke ich habe keine Wahl. Aber das ist doch noch nicht alles, Sie haben mir noch nicht alles erzählt, hab ich Recht?“ Sie lachte. „Stimmt genau. Ich sehe, Sie kennen mich schon ganz gut. Ja, das schöne an diesem Abend ist, dass sich die Männer nach den Wünschen der Frauen richten müssen. Und damit sind nicht nur ihre eigenen Frauen gemeint, die Regel gilt für alle Frauen.“ „Ich muss tun, was irgendeine Frau von mir verlangt?“ Vince schüttelte verständnislos den Kopf. „Ist das nicht ein bisschen viel verlangt?“ „Sehen Sie sich um. Jeder dieser Männer richtet sich heute Abend nach dieser Regel. Außerdem muss ihre Partnerin einverstanden sein. Also, haben Sie ruhig ein bisschen Vertrauen in Sabina. Und vorerst in mich. Kommen Sie!“ Carla verließ die Ecke, in der sie gestanden hatte und Vince folgte ihr. Er musste ständig nach Unten auf seinen aus der Hose heraushängenden Penis sehen. Beim Gehen schwang er wie ein Fremdkörper grotesk nach beiden Seiten. Carla setzte sich so selbstverständlich, als sei er für sie reserviert, an einen der Tische in der Nähe der Bühne.